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Manchmal tun sich einfach Fragen oder Gedanken auf, wenn man durch die Natur streift. Ob sinnvoll oder nicht, sie beschäftigen einen, auch wenn man keine Antworten findet.

Für mich sind diese Gedanken Teil des Erlebens - und es ist nicht wirklich wichtig, Antworten zu finden oder die Gedanken zu einem "Abschluß" zu bringen. Wichtig ist, das Erlebte zu bemerken, mitzunehmen und sich daran zu Erinnern.

Erinnerungen - und keine Guten

Da steht's jetzt plötzlich in der Wiese vor mir, leuchtend weiß in die Gegend strahlend ... hm, strahlend ... Das Gänseblümchen mit dem mehr als doppelt so großen Blütenköpfchen, und der Stengel eher flachgedrückt wirkend, massiv und stark und ebenfalls um vieles dicker als ein normaler Stengel.

Gänseblümchen

Wann nur hab ich das Letztemal so etwas Ähnliches gesehen? Achja, das war ein Löwenzahn; auch der hatte diesen extrem breitgedrückten Stengel und oben, wo normalerweise der gelbe Blütenschopf ist, waren gleicht zwei dieser Blüten, unnatürlich dicht aneinandergepreßt, aber jedes in eine andere Richtung strebend.

Den Löwenzahn, den erlebte ich vor 25 Jahren im eigenen Garten - das war kurz nach Tschernobyl, und ich habe damals irgendwo gelesen, dass so seltsame Ausbildungen in der Pflanzenwelt als Reaktion auftreten könnten - aber die eigenen kleinen Kinder waren wichtiger und mußten daher im Haus bleiben. Sie haben wegen des damaligen Atom-Störfalls sowieso alle Aufmerksamkeit an sich gebunden ...

Und jetzt dieses Gänseblümchen ... ist es oder ist es nicht? .... DESwegen ... es könnte ja sein, denn die Wahrheit erfahren wir ja nicht ....

Die Alten

Immer wieder begegnet man Bäumen, die das Auge auf sich ziehen - ja, die einen als Ganzes förmlich zwingen, näher an sie heranzugehen, sie zu berühren, sie von allen Seiten zu betrachten, mit ihnen Kontakt in irgendeiner Form zu suchen ...

Alte Rotbuche

Die alte Buche fesselt die Gedanken auf eine sanfte Art und Weise, läßt einen nachsinnen über das Werden und Vergehen. Wie war wohl dieser Baum als junges Bäumchen? Was hat ihn so werden lassen? Welche Stürme des Lebens haben ihm die Äste so sehr verdreht und verrenkt - oder täuschen hier die Augen und die Phantasie und er hat bloß mutwillig und voller Übermut für sein Holz und die daran wachsenden Blätter seinen ganz eigenen Weg zum Licht gewählt? Da steht er jedenfalls in aller Kraft und Beständigkeit, urwüchsiges Sinnbild eines Rätsels ... das vielleicht nur zu lösen sein wird, wenn man selber zum Baum wird?

Alte Rotkiefer

Und diese Rotföhre, welchen in der Dunkelheit herumtollenden, die Menschen neckenden Gnomen und Trollen dient sie wohl als in den Himmel führende Leiter? Das Licht umspielt ihren mächtigen Stamm, und dort, wo die Rinde normalerweise nur Borkenschuppen mit dazwischenliegenden tiefen Schluchten zeigt, in denen Insekten windgeschützt geschäftig auf und nieder eilen, finden sich ungewohnt mächtige Äste, die sich weit zur Seite strecken, und das auch noch auf einer einzigen Seite .... Wie weit sich wohl die Wurzeln unter der Erde nach außen stemmen, um das Gleichgewicht zu halten? Wie sich wohl die zahllosen Würzelchen in den steinigen Boden krallen, um dem Sturm zu trotzen, der todbringend an diesem Baum rüttelt? Welche Weisheit läßt sie all diese Fährnisse überleben, ohne zu wirken, als ob sie dagegen ankämpfte?

Aber sie steht trotzig und doch leichtfüßig auf ihrem einen Bein, kokettiert mit mir und fragt mich unhörbar, ob ich mithalten möchte bei dieserm lustigen Spiel zwischen Licht und Sturm, zwischen Sommerhitze und winterlicher Eiseskälte. Ich bedanke mich dafür, sie gesehen zu haben - und lehne dankend ab, an ihrem Spiel teilzunehmen, verabschiede mich aber mit dem Versprechen, wiederzukommen und sie zu besuchen!

Wieder eine holzige Persönlichkeit mehr in meinem seltsamen Bekanntenkreis, die so heiter wirkt und solche Weisheit ausstrahlt, dass man sich diese Eigenschaften - Heiterkeit und Weisheit - unbedingt zum eigenen Ziel machen möchte!

Ein Zunderschwamm

Genau in Augenhöhe taucht er aus dem Einheitsgrau der Buchen auf, sitzt still auf der Rinde, wirft kaum einen Schatten. An seiner Oberseite zeigen ringförmige Muster von seinem Wachstum, während die Unterseite die wachshelle, ursprüngliche Farbe ahnen läßt, die jedoch schon von einem ungesunden Braun verdrängt wurde.

Ich bin wieder einmal "einfachso" unterwegs in einem Bergwald der Voralpen, einem grasigen Rücken folgend, der von lichtem Wald bestockt ist. Der Atem kommt keuchend aus der Lunge, es ging steil bergauf, und zufrieden bin ich über den Halt, den der Schwamm sowohl für das Auge als auch für mich selber bietet.

Der Zunderschwamm

Die Gedanken gleiten ab von dieser Stelle, die ebenso Wiese wie auch Wald genannt werden könnte, während der Atem ruhiger wird. Sie gehen zurück in eine Zeit, als dieser Schwamm noch gesammelt und genutzt wurde. Während heute vielfach die Zentralheizungen in den Wohnungen unbeachtet Wärme spenden, hat früher dieser Pilz dazu beigetragen, überhaupt erst Wärme durch Feuer zu erhalten, indem mit Feuerstein geschlagene Funken auf Zunder fallen gelassen wurden! Harte steinzeitliche Lippen bliesen dann zart einen Lufthauch darüber und ließen den Funken zu einem Flämmchen anwachsen, das unter ein Zelt von kleinen Holzstücken gesetzt wurde und gierig nach diesem leckte. Die knisternden Flammen zogen die Menschen der Frühzeit wohl ebenso in ihren Bann wie sie es bei uns noch heute tun, auch wenn schon lange Feuerzeuge die Flammenspender sind, die keinerlei Kenntnis für ihre Bedienung benötigen ....

Leider geht damit auch einher, dass über das Entfachen von Feuer mit einfachen oder wenigen Hilfsmitteln, das Hüten von Feuer oder dessen kontrollierte Weitergabe kaum mehr Kenntnis vorhanden ist beim sogenannten "zivilisierten Menschen" ....

Irgendwo raschelt es im Laub und das Geräusch holt mich wieder in die Gegenwart des Ortes zurück - ein kurzer Blick zeigt mir eine kleine Eidechse, die im Laub verschwindet. Der Tag geht ihr wohl zu kühl zu Ende, und auch für mich ist es Zeit umzukehren ... dabei war ich ja gar nirgends ... und doch so weit ... in der Vergangenheit!

Der Maiwurm

Kleines schwarzblaues kriechendes Etwas, wie fühlst Du Dich so abgehoben von der Erde? Gerade bist Du noch eilig über den trockenen Boden gekrochen, deinen aufgeblähten Hinterkörper hinter Dir herschleppend ... und jetzt schwebst Du in Dir unbegreiflichen Höhen, fühlst vielleicht den seltsam warmen weichen Untergrund und fragst Dich, was das ist?
Du beißt in dieses nachgiebige Unbekannte - wehrst Du Dich etwa? Oder folgst Du nur dem Freßinstinkt und beißt in alles was weich ist, um es vielleicht hineinzuschlingen?

Maiwurm

Ich weiß, Du bist giftig, aber ich kenne Dich und weiß, wie und wann Du das Gift einsetzt. Ich weiß auch, Du suchst die Nähe vom summenden Volk, das wir Menschen Bienen nennen. Du führst nichts Gutes mit ihenen im Schilde, aber was bedeutet schon Gut in der Natur? Zehntausende Eier wirst Du legen, aber nur wenige Deiner Larven werden sich an weichen Bienenpelzchen festklammern und sich in den Bau tragen lassen können. Sie aber werden dann in eine Honigzelle einbrechen, das Ei plündernd fressen und auf den übriggebliebenen Schalen im Honig schwimmen wie in einem kleinen Schiffchen. Und sie werden den Honig, der jetzt ihnen allein gehört, einsaugen bis fast zum Platzen und sich anschließend irgendwo in der Erde verstecken. Dort trotzen wieder nur wenige der Winterkälte und verwandeln sich ungesehen in eine Puppe, welche die zukünftige Form schon erahnen ließe ... aber nur wenige Menschen haben dies jemals gesehen.
Und dann ruft irgendwo ein neuer warmer Mai einen neuen blauschwarzen Maiwurm ans Licht ... wer weiß, wem dieser dann begegnet? Wer weiß, was dann gedacht wird? Wer weiß .... ?

 
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